Ankertypen im Überblick — Welcher Anker für welches Boot?

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Der richtige Anker ist kein Luxus — er ist Sicherheitsausrüstung. Ein Anker, der bei auffrischendem Wind nicht hält, kann im schlimmsten Fall Boot und Besatzung gefährden. Trotzdem ist die Ankerwahl eines der am meisten unterschätzten Themen in der Bootswelt. In diesem Ratgeber erkläre ich alle gängigen Ankertypen, ihre Stärken und Schwächen, und helfe dir, den perfekten Anker für dein Boot und dein Revier zu finden.

So funktioniert ein Anker

Ein Anker hält nicht durch sein Gewicht — das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Er hält, weil er sich in den Grund eingräbt. Je flacher der Zugwinkel (also je mehr Kette oder Leine ausgesteckt ist), desto besser gräbt sich der Anker ein. Deshalb ist die Kettenlänge mindestens genauso wichtig wie der Anker selbst.

Die Haltekraft eines Ankers wird in Kilogramm oder als Vielfaches seines Eigengewichts angegeben. Ein guter moderner Anker erreicht das 30-50-fache seines Eigengewichts als Haltekraft. Ein 10-kg-Anker kann also 300-500 kg Zugkraft widerstehen — genug für ein 12-Meter-Boot bei Starkwind.

💡 Gut zu wissen: Die drei Faktoren für sicheres Ankern sind: 1) Der richtige Ankertyp für den Grund, 2) Ausreichend Kettenlänge (Scope), 3) Korrekte Ankertechnik. Fehlt einer dieser Faktoren, hält kein Anker zuverlässig.

Die wichtigsten Ankertypen

1. Plattenanker (Danforth-Typ)

Der Klassiker für Sandgrund. Zwei große, flache Flunken graben sich wie Schaufeln in weichen Grund ein. Vorteile: extrem hohe Haltekraft in Sand und Schlick, leicht, flach verstaubar. Nachteile: Setzt sich in Fels oder Seegras schlecht, kann sich bei Winddrehen nicht umsetzen — der Anker bricht dann aus.

Der Danforth-Anker wurde 1939 von Richard Danforth für die US Navy entwickelt. Das Grundprinzip hat sich bis heute bewährt und wird von vielen Herstellern kopiert. Günstige Modelle gibt es ab 25 Euro.

2. Pfluganker (CQR / Delta)

Benannt nach seiner Form, die an eine Pflugschar erinnert. Der Pfluganker ist ein Allrounder, der in den meisten Grundarten gut hält. Er setzt sich bei Winddrehen selbstständig um, ohne auszubrechen — ein großer Vorteil in Tidenrevieren.

Der CQR (ausgesprochen „Secure") ist der Original-Pfluganker mit Gelenk. Der Delta-Anker ist die weiterentwickelte, gelenklose Version — einfacher in der Handhabung und selbsteinlagernd an Bugrollen. Preisklasse: 60-200 Euro je nach Größe.

3. Klauenanker (Bruce)

Der Bruce-Anker hat drei Klauen und wurde ursprünglich für Ölplattformen in der Nordsee entwickelt. Er setzt sich schnell und gräbt sich dann tiefer ein. Sehr gut bei Winddrehen, da er sich einfach umsetzt. Schwäche: Geringere Haltekraft pro Kilogramm als Plattenanker, braucht daher mehr Gewicht.

Der Original-Bruce wird nicht mehr hergestellt, aber viele Hersteller bieten Klauenänker nach dem gleichen Prinzip an. Preislich ab 40 Euro für brauchbare Qualität.

4. Rocna / Ultra — Die neue Generation

Moderne Hochleistungsanker wie der Rocna, Ultra, Mantus oder Spade haben die Ankertechnik revolutioniert. Sie kombinieren die Vorteile verschiedener Typen: schnelles Setzen, hohe Haltekraft, gutes Umsetzen bei Winddrehen. Ein Rollbalken an der Spitze verhindert, dass der Anker auf der Seite liegen bleibt.

In unabhängigen Tests (z.B. SAIL Magazine, Practical Sailor) schneiden diese Anker durchweg am besten ab. Der Nachteil: Der Preis. Ein Rocna in passender Größe kostet 200-500 Euro. Die Investition lohnt sich aber — vor allem, wenn man den Anker als Sicherheitsausrüstung betrachtet.

5. Pilzanker / Schirmanker

Einfache, günstige Anker in Pilz- oder Schirmform. Halten nur durch ihr Gewicht und eine gewisse Saugwirkung im Schlick. Für permanente Moorings an geschützten Stellen geeignet, als Bootsanker für Yacht oder Motorboot aber unzureichend. Für Schlauchboote und kleine Angelboote auf Seen mit weichem Grund noch akzeptabel.

6. Faltanker / Klappanker

Vier klappbare Flunken, die sich platzsparend zusammenlegen lassen. Beliebt bei Kleinboot-Besitzern und Kajakfahrern wegen des geringen Stauraums. Die Haltekraft ist begrenzt — sie funktionieren am besten in Fels und Korallen, wo sich die Flunken verhaken. In Sand oder Schlick sind sie fast wirkungslos.

Ankertypen im Vergleich

Ankertyp Sand Schlick Fels Seegras Preis
Danforth/Platte ⭐⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐
Pfluganker (Delta) ⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐ €€
Bruce/Klaue ⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐ ⭐⭐ €€
Rocna/Ultra ⭐⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐⭐ ⭐⭐⭐⭐ €€€
Pilz/Schirm ⭐⭐ ⭐⭐⭐
Faltanker ⭐⭐⭐⭐

Welcher Anker für welchen Grund?

Sandgrund

Sand ist der einfachste Ankergrund — die meisten Ankertypen halten hier gut. Plattenanker und moderne Hochleistungsanker (Rocna, Ultra) sind die Könige im Sand. Wichtig: Genug Kette stecken (Scope 5:1 minimum), damit der Anker flach zieht und sich eingraben kann.

Schlick & Schlamm

Weicher Schlick erfordert Anker mit großer Flunkenfläche. Plattenanker und Pfluganker graben sich gut ein. Klauenanker tendieren dazu, einfach durch den Schlick zu pflügen, ohne richtig zu fassen. Bei sehr weichem Grund: Eine Nummer größer wählen.

Fels & Kies

Die schwierigste Ankersituation. Plattenanker sind hier fast nutzlos — sie rutschen über den harten Grund. Faltanker und Klauenanker funktionieren besser, da sie sich in Spalten verhaken. Moderne Hochleistungsanker (Rocna) schaffen es, sich auch in Kies einzugraben. Immer einen Ankerbergeleine (Trip Line) verwenden, um den Anker wieder freizubekommen.

Seegras

Dichtes Seegras ist der Albtraum jedes Ankerers. Die Grasbüschel verhindern, dass der Anker den eigentlichen Grund erreicht. Pfluganker und moderne Anker mit scharfer Spitze durchschneiden das Gras am besten. Tipp: Einige Meter rückwärts fahren, um den Anker durch die Grasdecke zu drücken.

Ankergröße berechnen

Bootslänge Danforth Delta/Pflug Bruce/Klaue Rocna/Ultra
bis 5 m 4 kg 4 kg 5 kg 4 kg
5-7 m 6 kg 6 kg 7,5 kg 6 kg
7-9 m 8 kg 10 kg 10 kg 8 kg
9-12 m 12 kg 14 kg 15 kg 10 kg
12-15 m 16 kg 20 kg 20 kg 15 kg

⚠️ Wichtig: Diese Tabelle gilt für normale Wetterbedingungen. Bei Starkwind (>6 Bft) oder starker Strömung mindestens eine Größe höher wählen. Im Zweifel gilt: Lieber zu groß als zu klein. Einen zu schweren Anker gibt es nicht — nur zu schwache Rücken.

Ankergeschirr — Kette, Leine & Zubehör

Ankerkette

Die Kette am Anker hat drei Funktionen: Sie sorgt für einen flachen Zugwinkel, verhindert Scheuern am Grund und ihre eigene Masse dämpft Rucke bei Wellengang (Kettendurchhang). Kalibierte Kette (DIN 766) passt in Ankerwinden, unkalibrierte ist günstiger für Handarbeit.

Bootslänge Kettenstärke Mindestlänge Kette
bis 7 m 6 mm 3-5 m (+ Leine)
7-10 m 8 mm 10-15 m
10-14 m 10 mm 30-50 m
über 14 m 10-12 mm 50+ m

Ankerleine

Für Kleinboote und als Verlängerung nach der Kette: Dreisträngiges Nylon (Polyamid) ist ideal. Es ist elastisch und dämpft Rucke bei Wellengang. Geflochtene Leinen sind fester, aber weniger elastisch. Durchmesser: 10-14 mm je nach Bootsgröße.

Wichtiges Zubehör

Richtig ankern — Schritt für Schritt

  1. Stelle auswählen: Wassertiefe messen, Grundbeschaffenheit prüfen (Seekarte oder Echolot), Schwojkreis berechnen (ausgesteckte Kette + Bootslänge in alle Richtungen frei).
  2. Gegen Wind/Strömung fahren: Langsam an die gewünschte Stelle fahren, gegen Wind oder Strömung.
  3. Stoppen & Anker fallen lassen: Boot zum Stillstand bringen, Anker langsam ablassen (nicht werfen!). Kette kontrolliert ausstecken, nicht einfach rausrauschen lassen.
  4. Rückwärts treiben lassen: Das Boot treibt durch Wind oder Strömung rückwärts. Dabei Kette/Leine kontrolliert ausstecken.
  5. Eingraben: Wenn genug Kette draußen ist, kurz rückwärts einlegen. Langsam Fahrt aufnehmen, bis die Kette sich strafft. Dann kurz Gas geben — der Anker gräbt sich ein.
  6. Überprüfen: Peilungen an Land nehmen (zwei Objekte merken). Regelmäßig kontrollieren, ob das Boot noch an derselben Stelle liegt.

Unsere Empfehlungen

Budget-Tipp: Danforth-Anker von Compass

Für Seen und geschützte Buchten mit Sandgrund ist ein Danforth-Anker die günstigste Wahl. Ab 30 Euro bekommst du einen soliden Anker, der auf Sand hervorragend hält. Für Schlauchboote und Kleinboote bis 6 Meter absolut ausreichend.

Allrounder: Delta-Anker

Der Delta-Anker ist die sicherste Wahl für Bootsbesitzer, die in verschiedenen Revieren unterwegs sind. Er hält in Sand, Schlick und Kies gut, setzt sich bei Winddrehen um und lässt sich leicht an der Bugrolle einlagern. Preis: ab 80 Euro.

Premium: Rocna Original

Wer das Beste will, greift zum Rocna Original. In praktisch allen unabhängigen Tests auf Platz 1 oder 2. Schnellstes Setzen, höchste Haltekraft, funktioniert in allen Grundarten. Ja, er ist teurer — aber wenn der Wind auf 7 Bft auffrischt und du nachts schlafen willst, ist der Rocna jeden Cent wert.

Häufig gestellte Fragen

Welcher Anker ist der beste für Sandgrund?

Für Sandgrund sind Plattenanker (Danforth-Typ) und moderne Anker wie der Rocna oder Ultra ideal. Sie graben sich tief in den Sand ein und bieten die höchste Haltekraft pro Kilogramm. Ein 8-kg-Plattenanker kann auf Sand über 500 kg Haltekraft entwickeln.

Wie schwer muss ein Anker sein?

Als Faustregel gilt: 1 kg Ankergewicht pro Meter Bootslänge bei modernen Hochleistungsankern. Für traditionelle Anker rechnet man 1,5 kg pro Meter. Ein 6-Meter-Boot braucht also einen Anker von 6-9 kg.

Wie viel Ankerkette braucht man?

Die Kettenlänge sollte mindestens das 3-fache der Wassertiefe betragen, besser das 5-7-fache. Bei 5 Metern Wassertiefe also 15-35 Meter Kette/Leine.

Was ist besser — Ankerkette oder Ankerleine?

Die ideale Lösung ist eine Kombination: 3-5 Meter Kette direkt am Anker, dann Ankerleine für den Rest. Reine Kette bietet die beste Haltekraft, ist aber schwer und teuer.

✍️ Über den Autor: Kai Petersen testet seit über 8 Jahren Boote und Wassersport-Equipment. Als passionierter Segler hat er schon hunderte Male geankert — von der Ostsee über die Adria bis zu den griechischen Inseln. Er weiß, welcher Anker hält und welcher nicht.

Quellen & weiterführende Links: