Seekarte & Navigation: Der ultimative Guide für Bootsfahrer
Seekarte class="hero-image" loading="lazy" style="width:100%;max-height:400px;object-fit:cover;border-radius:12px">Moderne GPS-Technik ist fantastisch – aber sie ersetzt nicht die Seekarte. Jeder verantwortungsbewusste Skipper muss Seekarten lesen können, Positionen bestimmen, Kurse berechnen und Gefahrenstellen erkennen. In diesem umfassenden Guide lernst du alles über Seekarten, Navigation und die wichtigsten Techniken – von der klassischen Papierkarte bis zur modernen digitalen Navigation.
Ob du auf der Ostsee unterwegs bist, am Mittelmeer segelst oder Binnengewässer befährst – ohne Seekarten-Kenntnisse bist du aufgeschmissen. GPS zeigt dir zwar, wo du bist, aber nicht, ob dort eine Untiefe lauert, ein Sperrgebiet existiert oder das Fahrwasser endet. Dieser Guide macht dich fit für sichere Navigation – mit praktischen Tipps aus 15 Jahren Erfahrung auf See und Binnengewässern.
Wichtig zu wissen: Für den Sportbootführerschein See sind Seekarten-Kenntnisse Pflicht. Du musst Positionen bestimmen, Kurse berechnen, Gezeiten berücksichtigen können. Aber auch ohne Führerschein sollte jeder Bootsfahrer die Grundlagen beherrschen – es geht um deine Sicherheit und die deiner Crew!
Inhaltsverzeichnis
Seekarten-Grundlagen: Typen, Maßstäbe, Symbole
Was ist eine Seekarte?
Eine Seekarte ist eine spezialisierte Karte für die Schifffahrt. Im Gegensatz zu Straßenkarten zeigt sie nicht Straßen und Städte, sondern Wassertiefen, Fahrwasser, Tonnen, Leuchtfeuer, Untiefen, Wracks und nautische Gefahren. Seekarten werden von staatlichen Institutionen (in Deutschland: BSH – Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie) herausgegeben und regelmäßig aktualisiert.
Eine Seekarte enthält:
- Wassertiefen (in Metern, gemessen bei mittlerem Niedrigwasser)
- Küstenlinien und markante Landmarken (Leuchttürme, Kirchtürme, Wasserturm)
- Fahrwasser (betonnte Wege für Schiffe)
- Tonnen & Seezeichen (Navigations-Hilfen)
- Sperrgebiete (militärische Zonen, Naturschutz, Windparks)
- Ankerplätze und Häfen
- Kompassrose (für Kursberechnungen)
- Koordinatengitter (Breiten- und Längengrade)
Seekarten-Typen: Übersicht, Küste, Hafen
Seekarten gibt es in verschiedenen Maßstäben – je nach Einsatzzweck:
- Übersichtskarten (1:500.000 bis 1:1.500.000): Große Seegebiete, für Routenplanung über weite Strecken. Wenig Details.
- Seekarten (1:50.000 bis 1:300.000): Standard für Küstennavigation. Zeigen Fahrwasser, Tonnen, größere Untiefen.
- Küstenkarten (1:20.000 bis 1:100.000): Detailliert, für küstennahe Navigation und Hafeneinfahrten.
- Hafenpläne (1:5.000 bis 1:25.000): Sehr detailliert, zeigen Liegeplätze, Wassertiefen im Hafen, Kaimauern.
Faustregel: Je größer der Maßstab (kleinere Zahl), desto detaillierter die Karte. Für normale Törnplanung brauchst du 2-3 Karten unterschiedlicher Maßstäbe.
Papierkarten aktualisieren: Seekarten veralten schnell – Tonnen werden verlegt, Fahrwasser verändert sich, neue Sperrgebiete entstehen. Aktualisiere Papierkarten regelmäßig über „Nachrichten für Seefahrer" (NfS, kostenlos beim BSH). Oder nutze digitale Karten, die automatisch updaten.
Wichtige Symbole & ihre Bedeutung
Seekarten sind voller Symbole – hier die wichtigsten:
| Symbol | Bedeutung | Was tun? |
|---|---|---|
| Zahlen (z.B. "12") | Wassertiefe in Metern (bei mittl. Niedrigwasser) | Prüfe, ob dein Tiefgang passt (Tiefgang + Sicherheitsreserve) |
| Grüne Bereiche | Flaches Wasser (<5 Meter), trockenfallend | Meiden, wenn dein Boot mehr als 1-2 m Tiefgang hat! |
| Blaue Bereiche | Tieferes Wasser (>20 Meter) | Sicher für alle Boote |
| Lila Flächen | Sperrgebiete (militärisch, Naturschutz, etc.) | Nicht befahren! Verstöße können teuer werden (Bußgeld) |
| Tonnen-Symbole | Laterale Betonnung (rot/grün): Fahrwasser-Markierung | Grün an Steuerbord, rot an Backbord (beim Einlaufen in Hafen) |
| Sternchen (*) | Wrack oder Hindernis | Großräumig umfahren! |
| Anker-Symbol | Empfohlener Ankerplatz | Gute Wassertiefen, Schutz vor Wind, sicherer Grund |
Wichtig: Jede Seekarte hat eine Legende (Kartenschlüssel) – die erklärt alle verwendeten Symbole. Immer griffbereit haben!
Seekarten richtig lesen — Schritt für Schritt
Koordinatensystem verstehen
Seekarten verwenden geographische Koordinaten: Breiten- und Längengrade. Jede Position auf der Erde hat eine eindeutige Koordinate, z.B.:
54°20,5'N 010°08,2'E
- 54°20,5'N: Breitengrad (Nord-Süd), 54 Grad, 20,5 Minuten Nord
- 010°08,2'E: Längengrad (Ost-West), 10 Grad, 8,2 Minuten Ost
Auf Seekarten sind die Koordinaten am Rand eingezeichnet. Breiten links/rechts, Längen oben/unten. Mit einem Zirkel oder Kursdreieck kannst du jede Position exakt eintragen oder ablesen.
Wassertiefen richtig interpretieren
Die Zahlen auf der Seekarte geben Wassertiefen an – aber Vorsicht: Sie beziehen sich auf mittleres Niedrigwasser (Kartennull). Das bedeutet:
- Bei Niedrigwasser kann es flacher sein (Springniedrigwasser)
- Bei Hochwasser ist es tiefer (Tidenhub beachten!)
- Auf Binnengewässern meist bezogen auf festgelegten Wasserstand
Faustregel: Plane immer 1-2 Meter Sicherheitsreserve ein! Wenn dein Boot 1,5 m Tiefgang hat, meide Bereiche mit weniger als 3-4 m Tiefe (je nach Tide und Wellen).
Gezeitentabellen nutzen: Auf Gewässern mit Gezeiten (Nord- und Ostsee, Atlantik) musst du den Tidenhub einrechnen. Gezeitentabellen (App oder Buch) zeigen Hoch- und Niedrigwasser-Zeiten. Plane Hafeneinfahrten bei ausreichend Wasser – niemand mag auf Grund laufen!
Fahrwasser & Tonnen verstehen
Fahrwasser sind markierte Wege für Schiffe – sie führen durch sichere, ausreichend tiefe Bereiche. Markiert werden sie durch Tonnen (laterale Betonnung):
- Grüne Tonnen: An Steuerbord halten (rechts beim Einlaufen in Hafen)
- Rote Tonnen: An Backbord halten (links beim Einlaufen)
- Merkspruch: "Rot an rot, grün an grün, der Weg ist frei!" (von See kommend)
Achtung: Die Regel gilt nur beim Einlaufen in Häfen oder Flüsse (von See kommend). Beim Auslaufen umgekehrt! Auf Binnengewässern kann die Regelung abweichen – immer die lokalen Betonnung-Systeme prüfen.
Kompassrose & Kurslinien
Auf jeder Seekarte findest du eine Kompassrose – sie zeigt die Himmelsrichtungen und ermöglicht Kursberechnungen. Die äußere Rose zeigt rechtweisend Nord (geographischer Nordpol), die innere missweisend Nord (magnetischer Nordpol).
Die Differenz zwischen beiden heißt Missweisung (Deklination). In Deutschland beträgt sie aktuell etwa 2-4° Ost (ändert sich jährlich leicht). Moderne Kompasse und GPS-Geräte korrigieren das automatisch.
Positionsbestimmung: GPS & Kreuzpeilung
Mit GPS: Einfach & präzise
Die modernste Methode: GPS-Koordinaten ablesen und auf der Karte eintragen. Jedes GPS-Gerät, Smartphone oder Kartenplotter zeigt deine aktuelle Position als Koordinaten, z.B.:
N 54°20,456' E 010°08,123'
Diese Position trägst du mit Zirkel und Kursdreieck in die Seekarte ein – fertig. Vorteil: Extrem genau (±5-10 Meter), schnell, immer verfügbar. Nachteil: Elektronik kann ausfallen (Batterie, Defekt, Störung).
Ohne GPS: Kreuzpeilung (klassische Methode)
Wenn GPS ausfällt, brauchst du klassische Navigation. Die wichtigste Technik: Kreuzpeilung. Du peilts zwei oder drei bekannte Landmarken an (Leuchtturm, Kirche, Wasserturm) und zeichnest die Peillinien in die Karte ein. Der Schnittpunkt ist deine Position.
Schritt-für-Schritt:
- Wähle 2-3 markante Landmarken, die auf der Karte eingezeichnet sind
- Peile jede Landmarke mit dem Peilkompass an (z.B. Leuchtturm: 045°, Kirche: 120°)
- Zeichne die Peillinien in die Karte: Vom Objekt aus in die umgekehrte Richtung (Gegenpeilung)
- Der Schnittpunkt der Linien ist deine Position
Tipp: Wähle Objekte mit möglichst großem Winkel zueinander (ideal: 60-120°). Zu kleine Winkel führen zu ungenauen Schnittpunkten.
Übung macht den Meister: Kreuzpeilung erfordert Übung! Fahre mal eine Tour NUR mit Kompass und Karte (kein GPS). Du wirst überrascht sein, wie gut klassische Navigation funktioniert – und wie viel Sicherheit sie gibt, wenn die Elektronik streikt.
Laufende Position & Koppelnavigation
Wenn keine Landmarken sichtbar sind (Nebel, offene See), nutzt du Koppelnavigation: Du berechnest deine Position anhand von Kurs, Geschwindigkeit und Zeit seit der letzten bekannten Position.
Beispiel:
- Letzte Position: 54°20'N 010°08'E (um 10:00 Uhr)
- Kurs: 090° (Ost), Geschwindigkeit: 6 Knoten
- Zeit: 2 Stunden vergangen (12:00 Uhr)
- Zurückgelegte Strecke: 12 Seemeilen (6 kn × 2 h)
- Neue Position: 12 sm östlich der alten Position
Achtung: Koppelnavigation ist ungenau! Strömung, Wind, Steuerfehler addieren sich. Kontrolliere die Position regelmäßig mit GPS oder Peilung.
Kursberechnung & Navigation
Rechtweisend, missweisend, Kompasskurs – was ist was?
In der Navigation unterscheiden wir drei Kursarten:
- Rechtweisender Kurs (rwK): Bezogen auf geographisch Nord (Nordpol). Wird auf der Seekarte gemessen.
- Missweisender Kurs (mwK): Bezogen auf magnetisch Nord (Kompass-Nord). Missweisung (Deklination) beachten!
- Kompasskurs (KK): Was du am Kompass abließt. Enthält Missweisung UND Deviation (Kompassfehler durch Bootsmagnete).
Formel:
Kompasskurs = Rechtweisender Kurs ± Missweisung ± Deviation
Beispiel: Du willst rwK 090° fahren. Missweisung +3° Ost, Deviation -2°. Kompasskurs = 090° - 3° + 2° = 089°
Kurs in die Seekarte einzeichnen
Um einen Kurs zu planen, nutzt du ein Kursdreieck (auch Navigationsdreieck):
- Lege das Dreieck mit der Kante auf Start- und Zielpunkt
- Verschiebe das Dreieck parallel zur nächsten Kompassrose
- Lies den Kurs ab (Winkel zur Nord-Linie)
- Notiere den rechtweisenden Kurs (rwK)
Für den tatsächlichen Kompasskurs musst du dann Missweisung und Deviation einrechnen (siehe oben).
Distanz berechnen
Die Entfernung zwischen zwei Punkten misst du mit einem Zirkel:
- Setze den Zirkel auf Start- und Zielpunkt
- Übertrage die Distanz auf die Breiten-Skala am Rand der Karte
- Lies die Seemeilen ab (1 Minute Breite = 1 Seemeile)
Wichtig: Nur die Breiten-Skala (links/rechts) verwenden – die Längen-Skala ist verzerrt!
Seemeilen & Knoten: In der Seefahrt rechnet man in Seemeilen (sm, nautical miles). 1 Seemeile = 1,852 km. Geschwindigkeit wird in Knoten (kn) gemessen: 1 Knoten = 1 Seemeile pro Stunde. Warum? Weil 1 Seemeile = 1 Bogenminute auf dem Breitengrad – das vereinfacht Berechnungen enorm!
Digitale Seekarten & Apps — Die moderne Alternative
Vorteile digitaler Seekarten
Digitale Seekarten (auf Kartenplotter, Tablet, Smartphone) haben viele Vorteile:
- GPS-Integration: Deine Position wird in Echtzeit auf der Karte angezeigt
- Automatische Updates: Neue Tonnen, Fahrwasser-Änderungen sofort verfügbar
- Zoom-Funktion: Von Übersicht bis Detailansicht nahtlos
- Routen-Planung: Wegpunkte setzen, Kurs berechnen, Distanzen messen – alles automatisch
- AIS-Integration: Andere Schiffe auf der Karte sehen (vermeidet Kollisionen)
- Wetterlagen: Wind, Wellen, Gezeiten in die Karte einblenden
Top Navigation-Apps für Bootsfahrer
| App | Plattform | Karten-Abdeckung | Kosten | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| Navionics Boating | iOS, Android | Weltweit (sehr detailliert) | 60-150 €/Jahr | ⭐⭐⭐⭐⭐ 4,7/5 |
| NV Charts | iOS, Android, PC | Europa (Nord-/Ostsee, Mittelmeer) | 80-120 €/Jahr | ⭐⭐⭐⭐½ 4,6/5 |
| iNavX | iOS | Weltweit (Karten einzeln kaufen) | 50-200 € (einmalig) | ⭐⭐⭐⭐ 4,4/5 |
| OpenCPN | PC, Mac, Linux | Weltweit (kostenlose Karten) | Kostenlos | ⭐⭐⭐⭐ 4,2/5 |
| Elwis-App | iOS, Android | Deutschland (Binnengewässer) | Kostenlos | ⭐⭐⭐½ 3,8/5 |
Meine Empfehlung: Navionics Boating für Küsten-Navigation, Elwis für deutsche Binnengewässer. Beide Apps sind zuverlässig, präzise und werden regelmäßig aktualisiert.
Papierkarte als Backup: Unverzichtbar!
Auch wenn digitale Karten fantastisch sind: Habe IMMER eine Papierkarte als Backup an Bord! Gründe:
- Elektronik kann ausfallen (Batterie leer, Wasserschaden, Defekt)
- GPS-Störungen (Sonnenstürme, militärische Störsender)
- Papierkarte gibt besseren Überblick (Gesamtsituation erfassen)
- Keine Strom-Abhängigkeit
- Bei Prüfungen (Sportbootführerschein) oft vorgeschrieben
Investiere 30-50 Euro in aktuelle Papierkarten deines Reviers – das ist gut angelegtes Geld!
Navigation-Ausrüstung für Bootsfahrer
Unverzichtbare Basis-Ausstattung
- Seekarte (Papier): Aktuell, passendes Revier. Kosten: 15-40 € pro Karte
- Kompass (kardanisch): Für Kurssteuerung unverzichtbar. Kosten: 80-150 €
- Peilkompass: Für Kreuzpeilungen und Standortbestimmung. Kosten: 80-130 €
- Kursdreieck: Zum Kurs-Einzeichnen. Kosten: 10-25 €
- Zirkel: Für Distanzmessungen. Kosten: 8-20 €
- Bleistift & Radiergummi: Zum Eintragen in die Karte (nie Kugelschreiber!)
Erweiterte Ausstattung (empfohlen)
- GPS-Gerät/Kartenplotter: Elektronische Navigation. Kosten: 150-800 €
- Tablet mit Navigation-App: Günstige Alternative zum Kartenplotter. Kosten: 300-600 €
- AIS-Empfänger: Zeigt andere Schiffe (Kollisionsvermeidung). Kosten: 200-500 €
- Echolot: Misst Wassertiefe in Echtzeit. Kosten: 100-400 €
- Gezeitentabelle: Für Gewässer mit Gezeiten. Kosten: 10-20 € (oder kostenlose App)
- Navigationsbesteck-Set: Zirkel, Kursdreieck, Parallel-Lineal. Kosten: 40-80 €
Für Einsteiger reichen Papierkarte, Kompass, Kursdreieck, Zirkel – das sind rund 120-200 Euro. Für ambitionierte Skipper lohnt sich die Investition in GPS/Kartenplotter und AIS.
Wasserdichte Kartentasche: Schütze Papierkarten vor Nässe! Eine wasserdichte Kartentasche (10-25 Euro) hält die Karte trocken und griffbereit. Alternativ: Karte laminieren lassen (15-30 Euro). Nasse Karten sind unlesbar und unbrauchbar!
FAQ — Die wichtigsten Fragen zu Seekarten & Navigation
Brauche ich als Freizeitskipper wirklich Seekarten?
Ja, absolut! Auch wenn du GPS hast. Seekarten zeigen Wassertiefen, Untiefen, Tonnen, Fahrwasser, Sperrgebiete und Gefahrenstellen. GPS zeigt nur deine Position – aber nicht, ob dort 20 Meter oder 20 Zentimeter Wasser sind. Auf See sind aktuelle Seekarten gesetzlich vorgeschrieben (Sportbootführerschein See). Auch auf großen Binnenseen unverzichtbar.
Papierkarte oder digitale Seekarte – was ist besser?
Beide haben Vor- und Nachteile. Papierkarten funktionieren immer (kein Strom nötig), bieten guten Überblick, sind robust. Digitale Karten zeigen GPS-Position in Echtzeit, ermöglichen Routen-Planung, Zoom-Funktion. Ideal: Beides an Bord! Digitale Karte als Hauptnavigation, Papierkarte als Backup. Kosten: Papierkarte 15-40 Euro, digitale Karte (App) 20-150 Euro/Jahr.